Gefahr ist vielen nicht bewusst

News vom Montag, 5. September 2016

Erdbebenzonen Südbaden

BZ-INTERVIEW mit dem Schweizer Erdbebenforscher Donat Fäh.
(Badische Zeitung, Frey, 7.11.2012)

FREIBURG. Die Erdbebenforscher sind wegen der Verurteilung ihrer Kollegen in Italien in Aufruhr. Sie sagen: Das Urteil lenkt von den wahren Problemen ab. Andreas Frey sprach mit dem Schweizer Seismologen Donat Fäh über die unterschätzte Gefahr aus der Tiefe.

BZ: Herr Fäh, noch immer sind viele Erdbebenforscher über das Urteil in Italien erschüttert. Sie auch?
Fäh: Das war eine Überreaktion, klar. Ich kenne einige der Kommissionsmitglieder, einige haben ihr ganzes Leben damit verbracht, Italien vor Erdbeben sicherer zu machen. Viele Forscher sind verunsichert. Die Rolle der Seismologen wird jetzt hinterfragt.

BZ: Das heißt, der Prozess in L’Aquila hat zumindest etwas in Gang gesetzt?
Fäh: Ja. Auch wenn der Prozess wahrscheinlich ungerecht ist, wird er dazu anregen, die Absprachen und die Kommunikation zu verbessern.

BZ: Welche Absprachen meinen Sie?
Fäh: Jegliche. Zwischen Behörden, Katastrophenschützern und Wissenschaftlern. Absprachen in Ländern und über Ländergrenzen hinweg. Nicht nur in Italien ist das ein generelles Problem. Die Frage ist doch: Wer soll im Falle eines Erdbebens mit wem kommunizieren, wann und wie? Wer entscheidet, wer warnt – und wer nicht? Das ist schlecht bis gar nicht definiert.

BZ: In der Debatte geht es also gar nicht um die Erdbebenvorhersage?
Fäh: Natürlich nicht. Viele Erdbeben treten ohne Vorwarnung auf. Sie sind nicht seriös vorherzusagen. Trotzdem gibt es manchmal Hinweise. Wenn es in einer Region bebt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Größeres folgt, stark erhöht.

BZ: So wie beim verheerenden Basler Beben von 1356.
Fäh: Richtig. Dieses Beben hat sich angekündigt. Eine Serie von Vorbeben erschütterte damals das Dreiländereck. Sie wurden nicht in Basel dokumentiert, sondern von einem Beobachter in Konstanz.

BZ: Wie wahrscheinlich ist, dass sich ein solch katastrophales Beben wiederholt?
Fäh: Solche Beben treten in der Region Basel durchschnittlich nur alle 2000 bis 2500 Jahre auf. Schwächere Schadensbeben sind jedoch weit häufiger. Wenn eine Region erschüttert wird, erhöht sich allerdings die Wahrscheinlichkeit eines schweren Bebens: In einem oder zwei von hundert Fällen wird dann etwas Schlimmes passieren – und in den anderen Fällen eben nicht. Das macht die Vorhersage so schwierig. Ein Starkbeben wie 1356 hätte heute wahrscheinlich mehrere Tausend Tote zur Folge, je nach Tageszeit. Wie soll man mit dieser möglichen großen Gefahr umgehen, ohne dass man sie unterschätzt – und ohne dass man Panik verursacht?

BZ: Und? Was passiert, wenn es jetzt im Dreiländereck bebt?
Fäh: Das ist eben alles unklar. Die Wissenschaftler sollten nichts entscheiden; es ist nicht ihre Aufgabe, Evakuierungen zu veranlassen. Sie sollen beraten und Empfehlungen an den Zivilschutz und die Gemeinden abgeben, die dann Maßnahmen nach außen kommunizieren und ergreifen. Da man keine Erdbebenvorhersage machen kann, ist es sehr schwierig, eine Balance zwischen Vorsorge und Panikverhinderung zu finden. Die Gefahr eines Hochwassers oder eines Orkans kann man um einiges besser abschätzen als die eines Erdbebens. Die Unsicherheit ist das Problem, darum müssen sich die Gemeinden auf Erdbeben langfristig vorbereiten.

BZ: Wie könnte das aussehen?
Fäh: Man muss im Vorhinein die verletzbaren Gebäude identifizieren und die wichtigen Gebäude in der nächsten Phase der Erneuerung verstärken oder ersetzen. Rein rechtlich gibt es die Pflicht, neue Gebäude nach Baunormen zu bauen.

BZ: Geschieht das denn?
Fäh: Das ist wie überall: Solange kein Druck herrscht, wird das nicht gemacht. Es gibt aber auch viele Bauingenieure und vor allem Architekten, die heute zu wenig ausgebildet sind.

BZ: Heißt das: Es wird nach wie vor nicht erdbebensicher gebaut?
Fäh: Davon gehe ich aus. Der Wille ist häufig nicht vorhanden. Und die alten Gebäude, die vor den Normen entstanden sind, sind sehr häufig sehr verletzbar. Wichtig ist, dass die Gemeinden in den gefährdeten Regionen im Dreiländereck ihre öffentlichen Gebäude überprüfen. Das kostet nicht viel. Wenn es bebt, sollten Krankenhäuser, Verwaltungsgebäude, Schulen und Feuerwehrgebäude funktionstüchtig sein. Es darf beispielsweise nie passieren, dass ein Schulhaus einstürzt. Wichtig ist es, Gebäude, die einem Erdbeben nicht standhalten, zu verstärken oder neu zu bauen.
BZ: Wieso wird die Norm nicht befolgt?
Fäh: Das ist schlicht Ignoranz. Denn teuer ist Erdbebensicherheit etwa bei Neubauten nicht. Hierzulande können sich die meisten Menschen nicht vorstellen, dass ein großes Beben auftritt. Die Gefahr ist ihnen nicht bewusst. Erdbeben werden vergessen, spätestens nach einer oder zwei Generationen.

BZ: Was muss also passieren?
Fäh: Die Vorarbeiten müssen die Gemeinden jetzt machen. Die Behörden sollten wissen, welche Gebäude verletzbar sind, und im Falle eines drohenden Erdbebens evakuiert werden müssten. Wichtig ist allerdings auch der lokale geologische Untergrund. Je weicher der Boden, desto stärker die Bodenbewegung, desto höher die Gefahr. Mauerwerksgebäude sind generell gefährdeter als Stahlbetonkonstruktionen. Jeder hat aus meiner Sicht, das Recht zu erfahren, ob sein Gebäude im Erdbebenfall sicher ist.